Zwiewuchs

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Foto: Wintergerste auf 50er Dämmen (links), Wintergerste im Flachanbau (rechts). Das Bild wurde im Juni 2021, in Engelmannsbrunn, Niederösterreich, aufgenommen.

Dammkultur als Pflanzenschutzmaßnahme

Zwiewuchs kann den Ertrag wesentlich beeinflussen, daher lohnt sich ein genauerer Blick auf dieses Phänomen.

Zwiewuchs ist ein häufig auftretendes Phänomen in der Landwirtschaft. Gemeint ist das erneute Austreiben von Getreide im Frühjahr. Problematisch ist, dass der Grünanteil neuer Triebe bei der Ernte viel Feuchte in das Dreschwerk bringt und somit das trockene Korn ebenfalls feucht wird. Die Feuchte der Körner steigert sich so bis zu 4% und macht sich auch bei der Dreschleistung negativ bemerkbar1. Wegen der ungleichmäßigen Reife sollte der Erntetermin mit Vorsicht gewählt werden. Wird gewartet, bis die letzte Ähre gereift ist, knicken Ähren, die schon länger reif sind ab und verlieren ihr Korn. Langes Warten geht daher mit Ernteausfall einher. Um dieser Thematik auf den Grund zu gehen, werden wir in diesem Artikel auf die Ursachen des Zwiewuchses eingehen. In der Fachliteratur werden unterschiedliche Faktoren genannt2. Insbesondere sollen Viruskrankheiten, Trockenheit, Spätfrost und Hagelschäden Ursache für das Wiederaustreiben des Getreides im Frühjahr sein.

 

In dem Foto oben, sieht man, dass die Gerste auf Dämmen (links) gleichmäßig abgereift ist. Rechts im Flachanbau erkennt man deutlich den Zwiewuchs, nicht nur an den Fahrgassen, sondern auch an den Niederungen, an denen sich länger Wasser gehalten hat. Grund dafür ist ein strukturloser Boden, der Wasser nur bedingt aufnehmen kann. Ist zusätzlich noch eine Pflugsohle vorhanden, wirkt sie wie eine Sperrschicht, durch die kein Wasser sickern kann. Das Wasser staut sich an der Oberfläche und das Bodenleben erstickt. Die Pflanze kommt in ihrer Entwicklung zu einem Stillstand. Diese Situation begünstigt Krankheiten, weil keine Luft in den Boden ein- und austreten kann. Auch Wasserverlust ist eine Folge, da die Erdoberfläche nicht porös,  sondern verschlossen ist. Das Wasser steigt durch den Kapillareffekt bis auf die Oberfläche und verdunstet. Wird die Witterung wieder besser und der Boden trocken, setzt sich die Entwicklung der Pflanze zwar fort, sie muss jedoch nun aufholen, was zuvor unterbrochen worden ist. Das erneute Austreiben im Getreide ist deswegen auch Anzeichen dafür, dass der Boden aufgrund mangelnder Struktur und gehemmten Bodenleben nicht mit dem Wasser haushalten kann.

 

Mit der traditionellen Dammkultur wird die die Wahrscheinlichkeit von Zwiewuchs minimiert, da es im Boden und an den Wurzeln der Kulturpflanze nicht   zu einem Luftabschluss, dem sogenannten anaeroben Zustand kommt. Deshalb wird die Pflanze auch nicht in Ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Der Boden ist durch die schonende Bearbeitung, den Verzicht auf Pflug und Kreiselegge, porös und nicht feingemahlen. Anstatt mit viel Energie geformt und zerkleinert, wird der Boden nur schonend aufgehäuft. Die Hügelform und die lockere Struktur des Bodens ermöglicht einen Gasaustausch, vergleichbar mit einem Lungensystem, in das Luft ein- und austreten kann. Dieses Lungensystem fördert die Vermehrung des Bodenlebens und Wurzelwachstum. Das Wurzelgeflecht im Zusammenhang mit den vielen Würmern, Mykorrhizapilzen und Mikroorganismen verleihen der Erde Struktur und Stabilität. Auch bei starkem Regen bleiben die Bodenteilchen miteinander verbunden und lösen sich nicht voneinander - solche Böden verschlämmen nicht. Das hat zur Folge, dass der Kapillareffekt das Wasser nicht bis an die Oberfläche bringt. Ein Boden mit diesen Eigenschaften weist deshalb eine hohe Wasserspeicherkapazität auf; er „atmet“ noch, wenn andere Böden schon gesättigt sind und sich bei Hanglage Bäche aus abfließendem Wasser bilden. In einem Boden mit Struktur entsteht kein Luftmangel und das Wachstum der Kulturpflanze stagniert nicht – die Pflanze ist deshalb weniger anfällig für Krankheiten und vital in ihrer Entwicklung. In Trockenperioden hält das „Eigenleben“, die Mikroorganismen und die Mykorrhiza-Symbiose mit den Wurzeln, die Feuchtigkeit im Damm. Förderung des Bodenlebens hat daher einen direkten Einfluss auf die Pflanzengesundheit.

 

Die Gesundheit der Pflanzen hängt daher besonders von einem intensiven Bodenleben ab. Da Kulturpflanzen im Dammanbau einen erhöhten Standort haben, verkraften sie auch starke Niederschläge deutlich besser als im Flachanbau. Insgesamt kommt es daher zu weniger oder keinem Zwiewuchs in der Dammkultur. Das wirkt sich im Ergebnis positiv auf den Ertrag aus und reduziert Kosten bei dem Dreschen und der Trocknung. Der erhöhte Ertrag im Dammanbau bezieht sich nicht nur auf die Menge, sondern auch auf die Qualität. Erfahrungswerte zeigen, dass in der Regel 1%, bei Ausnahmen auch bis 3%, mehr Protein im Getreide erzielt werden als bei flach angebauten Vergleichsflächen.

 

1Andrea Feiffer und Franz Klüßendorf (2020) https://www.bauernzeitung.de/agrarpraxis/ackerbau/zwiewuchs-ahren-wittern-morgenluft/.

2Oberforster, Michael (2013). Probleme mit Auswinterung, Trockenstress, Virosen, Spätfrost und Zwiewuchs bei Weizen und Wintergerste im Jahr 2012 in Österreich.

Dammkultur nach Julian Turiel